- Text: Marcus Willfroth
- Fotograf: Erik Weiss
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Travis
Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins
Es ist nicht zu übersehen: Travis, die schottische Indie-Bastion mit Hang zur Melancholie, sind wieder im Geschäft. Nach dem durchwachsenen Erfolg ihrer jüngsten Alben und der anschließenden Abnabelung von ihrer Plattenfirma lässt die Band mit ihrer ‘Ode To J. Smith‘ einen neuen Klassiker vom Stapel. Seine Livetaufe erfährt das neue Album beim diesjährigen sally*sounds-Festival in Berlin – der Stadt, zu der Frontmann Fran Healy eine ganz besondere Beziehung hat.
Der Pfad war steinig, doch Travis ließen sich nicht unterkriegen und schaffen mit ihren neuen Songs den Unrat der Vergangenheit beiseite. Von Desillusionierung wollen sie nichts wissen: „Wir hätten es leichter haben können, aber manchmal muss man eben gewisse Dinge mitmachen, um zu sich selbst zurück zu finden!“
Augenscheinlich darf sich diese Band eigentlich nicht beklagen – bereits ihr Debüt ‘Good Feeling‘ aus dem Jahre 1996 war ein Erfolg auf der ganzen Linie. Die Kritiker im Vereinten Königreich schlugen Purzelbäume und fraßen der Combo sprichwörtlich aus der Hand: „Die Euphorie hielt nur ein Jahr, denn als ich bei unserer Plattenfirma mit dem Material zum Nachfolger ‘The Man Who’ ankam, winkten die ab: Kein Mensch würde an so was interessiert sein“, gibt Sänger Fran Healy heute sichtlich gelassen zu Protokoll. Freilich deswegen, weil er sich mit seinen Jungs durchbiss, Ende der Neunziger die Single ‘Why Does It Always Rain On Me?‘ veröffentlichte und Travis einen weltweiten Hit in der eigenen Vita verbuchen konnten.
„Es scheint unüberwindbar zu sein, dass wir ständig gegen Windmühlen ankämpfen müssen. Selbst bei den nachfolgenden zwei Platten, die sich millionenfach verkaufen sollten, rümpften die Leute zunächst skeptisch die Nase. Woran das liegt, weiß ich nicht.“ An ihrem reibungsfreien Image vielleicht? Travis sind ja wahrlich nicht die Hotelzimmer demolierenden Rockstars mit Alkohol- und Drogeneskapaden. Als viel zu „niedlich“ werden sie oftmals kritisiert: „Ich sah es nie als etwas Produktives an, sich wie ein Arschloch aufzuführen. Selbst wenn wir heute die Wahl hätten, würden wir nichts an unserem Verhalten ändern!“ Wirklich nicht?
Fran, mit dem letztjährigen Longplayer „The Boy With No Name“ ist es zum ersten Mal passiert, dass selbst eingefleischte Fans alles andere als zufrieden waren!
Wir lieben das Ding immer noch und es sind unglaublich tolle Songs drauf. Was damals allerdings ein wirkliches Problem darstellte, war das Verhalten unserer Plattenfirma. Die wollten partout Hit-Singles und ließen von dieser Marschrichtung einfach nicht ab. Mit solchen Ansagen kann niemand unbeschwert Songs schreiben. Ich saß oft da und habe mir gedacht, der Song ist doch perfekt – warum sollten da noch irgendwelche Dinge rein, die in deren Augen massentauglich sind?!
Habt ihr deswegen euer eigenes Label ‘Red Telephone Box‘ wieder auferstehen lassen?
Es ist einfach schöner, wenn du das, was mit deiner Musik nach den Aufnahmen passiert, selbst kontrollieren kannst. Viele dachten immer: „Hey, wenn die so einen Erfolg haben, muss hinter den Kulissen alles super laufen!“ Man kann sich aber gar nicht vorstellen, mit welch komischen Menschen Travis schon zusammenarbeiten mussten. (überlegt) Meine Frau meinte nach unserem Album „12 Memories“, sie hätte meine schlechte Stimmung sogar auf der Bühne gesehen – obwohl ich jemand bin, der problemlos den Schalter umlegen und mit den Fans einen tollen Abend haben kann. Selbst das ging damals nicht mehr, verrückt!
Um sich aus all dem Schlamassel zu befreien, ließen sich Travis für ihr neues, sechstes Album ‘Ode To J. Smith‘ nicht zweimal bitten: Nur ein Jahr nach dem zwiespältigen ‘The Boy With No Name’ legen die vier einen imposanten Nachfolger vor. Als hätte ihnen jemand eine Batterie in den Rücken geschraubt, rockt die Band wieder so heftig wie zu Beginn ihrer Karriere: „Fahrt alles nach oben, ich will es dröhnen hören!“, soll Healy einmal im Studio gesagt haben. Eine solche Leidenschaft für rauen Indie-Rock war man von den Schotten zuletzt nicht mehr gewohnt.
Berlin, die neue Heimat von Fran Healy, ist ein gutes Gleichnis für die vielen Veränderungen im Hause Travis. Ähnlich wie die deutsche Hauptstadt, befand sich auch das Leben des Sängers in den letzten Jahren in ständiger Bewegung: Er fand die Frau fürs Leben, wurde Familienvater und lernte eine ganz neue Art der Verantwortung kennen.
„Jede Veränderung bedeutet eine neue Herausforderung, und genau das ist auch die Kernaussage unseres neuen Albums – dass der gewöhnliche Mensch zu Außergewöhnlichem in der Lage sein muss.“ Eine Ode an den „Otto-Normal-Bürger“, der angesichts seines eigenen Daseins weit mehr leisten muss als diese Kategorie in irgendeiner Weise vermuten lässt.
Wenn du mit ein paar Worten ein Resümee über die letzte Zeit mit Travis ziehen müsstest – was würde am meisten hervorstechen?
(überlegt) Obwohl es sich wie ein Widerspruch anhört, das ganze letzte Jahr. Zum einen war unsere Tour der absolute Hammer, gerade weil wir davor lange Zeit keine Konzerte geben konnten und nun endlich wieder Kontakt zu unseren Fans aufnahmen. Anderseits fühlten wir uns in den folgenden Monaten fast vogelfrei: Unser Platten- und Publishingdeal lief aus und jeder spürte, dass jetzt die Chance für Veränderungen gekommen sei. Die wir auch zu nutzen wussten!
Du hast im Vorfeld von einem kreativen Druck gesprochen, der die Aufnahmen zu „Ode To J. Smith“ vorantrieb.
Ja, das stimmt. Wir hatten nach „The Boy With No Name“ das Gefühl, etwas ganz Großes auf die Beine stellen zu müssen und versuchten dies umzusetzen, indem wir alle Konventionen beiseite schoben. So Marke: Travis sind eine gefühlvolle Indie-Pop-Band? Fuck you! Wir machen jetzt Prog-Rock – wie im Falle des Songs „J. Smith“. Oder lassen ein längeres Gitarrensolo zu und versuchen dies trotzdem in einen Rahmen von vier Minuten zu pressen. „Keine Regeln!“ - das war die einzige Regel, die wir mit „Ode To J. Smith“ verfolgten. Vielleicht ist das der Grund, weswegen diese Platte das in sich geschlossenste Album ist, das wir je in einem Studio aufgenommen haben.
Zwei Schritte vorwärts, keiner zurück. Travis überraschen mit ihrem sechsten Longplayer vor allem deswegen, weil ihnen nichts heilig ist! Bedenkt man die überschwänglichen Lobeshymnen, mit denen die ersten Alben hofiert wurden und die vielen Verrisse, die das letzte Album auslöste, ist die musikalische Radikalität, mit der Travis jetzt um die Ecke biegen, mehr als erstaunlich.
So verblüfft der straighte Brit-Pop, den die erste Singleauskopplung ‘Something Anything‘ kräftig vor sich her pumpt. Oder ‘J. Smith‘, ein unförmiges Ungetüm mit stoischem Groove, einer hinterhältigen Explosion und lateinischen Versen aus den Mündern eines Männerchors. Travis vereinen mit solchen Nummern endlich wieder Dinge an einen Tisch, die schon lange nicht mehr zusammen gesessen haben. Eine gefährlich gute Kombination. „Wer etwas riskiert, muss immer damit rechnen dass es schief gehen kann“, erklärt Fran Healy. „Wir sind mit wehenden Fahnen ins Studio, keine Frage. Aber ein mulmiges Gefühl hatte ich trotzdem: Nicht so richtig zu wissen, wo es diesmal hingehen und wie das Ergebnis klingen würde.“
Inwiefern hat dich deine neue Heimat Berlin bei den Arbeiten beeinflusst – gibt es spürbare Berlin-Referenzen auf dem Album?
Ganz ehrlich: Selbst wenn ich die Songs auf einer einsamen Insel geschrieben hätte, würde „Ode To J. Smith“ nicht anders klingen. (überlegt) Berlin übt auf mich aber einen unglaublichen Reiz aus: Hier passiert an jeder Ecke irgendwas und für meine Familie ist das Leben sehr angenehm. Wir wohnen im Stadtteil Prenzlauer Berg und leben dort wahnsinnig unbeschwert – niemand stört uns bei alltäglichen Dingen wie Einkaufen oder Essen gehen. Es gibt zudem sehr viele Kinderspielplätze und Parkanlagen, was gerade für meinen kleinen Sohn eine super Sache ist.
Der Umzug, das neue Album und deine wieder gefundene Spielfreude ergeben einen sehr harmonischen Gesamteindruck!
Da irrst du dich nicht, ich bin äußerst zufrieden mit meiner derzeitigen Situation. Wenn man so will, hat auch Berlin einen großen Anteil daran. Nur wo man sich wohl fühlt, ist man in der Lage, gute Arbeit zu leisten! Obwohl ich manchmal Angst vor negativer Presse habe, denn wenn irgendwelche bekannten Menschen eine Wohngegend bevölkern, steigen oftmals die Mieten. Sollte es dazu kommen, werde ich sofort umziehen. Versprochen! Was für Travis nicht weiter schlimm wäre, denn momentan habe ich das Gefühl, überall Musik machen zu können.
Zweifelsohne: Wenn eine Band nach über zehn Jahren gemeinsamer Arbeit so einen süchtig machenden Gemischtwarenladen auffährt, können das manche vielleicht nicht nachvollziehen – sollen sie meckern, Travis haben die Qualität, das gekonnt zu ignorieren.
Travis vs. sally*sounds08
“Beim sally*sounds08 feiern wir die deutsche Live-Premiere von ‘Ode To J Smith‘, deshalb wird das ein sehr besonderer Gig für uns. Ich freue mich auch darüber, dass Travis einen ganzen Abend im Kreise solch junger Bands verbringen dürfen und deren Fans kennen lernen. Das ist ja das Interessante an Festivals: Viele Leute stoßen dort auf Musik, die sie vorher vielleicht gar nicht gehört haben. Außerdem kann ich mit den öffentlichen Verkehrsmitteln anreisen, denn der Postbahnhof liegt nicht weit von meiner Wohnung entfernt. Ist zumindest näher dran als Schottland!“
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