- Text: Heiko Reusch
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Cold War Kids
Unter der Sonne Kaliforniens
Matt Maust, Bassist der Cold War Kids, ist in der Amtszeit von Ronald Reagan groß geworden, unser Autor Heiko Reusch hingegen verbrachte seine Kindheit unter Helmut Kohl. Zwei Geschädigte, ein Thema: Der Kampf zwischen Ost(küste) und West(küste).
Matt Maust sieht erschöpft aus. Die Augenränder sind so groß wie Teller, das Gesicht ist eingefallen, der Bart lang und zersaust. Fehlt eigentlich nur noch eine nachdenklich Pose in schwarz-weiß und schon würde eine fleischgewordene Bild-Fantasie von Anton Corbijn da sitzen.
Doch inszeniert ist hier nichts. Matt ist einfach nur übermüdet. Die Veröffentlichung von ‘Loyalty To Loyalty‘, dem zweiten Album der Cold War Kids aus San Diego steht an, und ab Ende September beginnt eine drei Monate dauernde Tour durch die USA und Europa. Wer mit so viel Druck im Nacken noch frisch wirkt, der steht – das haben wir mittlerweile gelernt – unter dem Verdacht des Fremdblut-Dopings. „Keine Sorge, mir geht’s gut“, wirbelt Matt trotz all des Stresses heraus und schießt hinterher: „Ich bin süchtig nach Aktion. Kaum hatten wir letztes Jahr zu Ende getourt, da wollte ich, dass es wieder weitergeht. Ich war wie auf Entzug und wollte sofort wieder Musik machen und touren.“
Das klingt erst einmal nach künstlerischer Manie wie sie im Klischee-Bilderbuch steht und erinnert an das Schlagzeug-verprügelnde „Animal“ aus der Muppet-Show – doch die Musik der Cold War Kids klingt nicht nach Übereifer, Hektik oder gar Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom. Die Mischung aus Blues, Country und Indie-Rock ließ die Songs auf dem umjubelten Debütalbum ‘Robbers & Cowards‘ eher gemächlich dahin gleiten. Wenn es so etwas wie vertonte Entschleunigung gibt, dann wurde sie von den vier Jungs aus Kalifornien vorbildlich auf Platte gebannt.
Doch nicht überall in den USA freute man sich über das Debütalbum. Mit dem Zeigefinger deutete man auf die „christlichen Texte“ der Band und rümpfte erst einmal die Nase. Statt rotziger Gossenattitüde verbreiten die Cold War Kids in den Texten eher die zwischenmenschliche Liebe, was in Zeiten des US-Super-Christentums bei vielen Indie-Liebhabern nicht so recht zünden wollte. Indie und der Stoff aus dem Konfirmationsunterricht - das geht nicht zusammen, das muss sich feindlich gegenüberstehen – so will es eines der letzten Gebote des Indie-Genres. „Das Interessante ist“, sagt Matt, „dass der Vorwurf, wir seien zu christlich in unseren Texten, vor allem von den Journalisten der Ostküste kam, in Europa hat das niemanden interessiert. Für die Ostküstler passen aber auch Worte wie ‘Kalifornien‘ und ‘Indie-Band‘ nicht so wirklich zusammen. Indie in den USA - das kommt traditionell aus New York, Athens oder aus Seattle. Oft wurden wir in Interviews von New Yorker Journalisten gefragt, wie wir in Kalifornien leben könnten. Die verbinden alles mit Kalifornien, was furchtbar ist: Schwarzenegger, Botox-Frauen und den ganzen Hollywood-Glamour. Manchmal glaube ich, wir hätten uns ‘Cold War Indie Kids‘ nennen sollen – so feindlich stand uns das Ostküsten-Lager gegenüber. Es ist ja auch eine ziemlich große Distanz und natürlich feiern die lieber ihre eigenen Bands ab. Das sind eben deren Prioritäten.“
Vieles an der Westküste nerve auch ihn, doch so oft sei er ja gar nicht da, weil er eben mit den Cold War Kids so viel toure, sagt Matt und zappelt dem Album-Release, den Fragen des nächsten Journalisten und der anstehenden Tour entgegen. Auftakt dafür ist übrigens in San Diego, dann folgen Gigs in Los Angeles und San Francisco. An die Ostküste, nach New York, wagen sich die Cold War Kids erst viel, viel später. Ja, auch die Indie-Herrschaften aus Kalifornien wissen, wie man Prioritäten setzt.
NIKOLAUS SPECIAL! LIVE: ATTACK IN BLACK & STALIN VS. BAND
06.12.2008
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