- Text: Caroline Frey
- Fotograf: Erik Weiss/Felix Broede
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Peter Fox
21st Century Fox
Wer die Single kennt, mag denken, dass ’Alles Neu’ nur zum Teil stimmt. Auch für den Rest des Albums gilt: man hört schon genau, wo der Herr Fox sonst so hinter einem der Mikros steht. Aber dann stimmt es eben doch. „Kein Song des Albums wäre so mit Seeed möglich gewesen. Dann hätte ich ja vorschlagen müssen: ‘Geht mal alle Kaffee trinken, ich mache zwölf Songs nur mit Drums und Orchester, bei denen ich alles alleine singe.’ Dieser Sound und die Idee, alles konsequent auf deutsch zu machen, ist nicht Seeed-kompatibel. Deshalb musste ich das auch ohne Seeed machen“, fasst Pierre das Konzept des Albums zusammen und gähnt. Die gestrige Nacht im Studio scheint eine lange gewesen zu sein.
Müde, aber zufrieden sitzt er auf seinem Sessel und nimmt sogar die Information, dass das Mittagessen auf Grund des immensen Journalistenandrangs leider ausfallen muss, gelassen. Die bisherigen Resonanzen der schreibenden Zunft „sind super! Außer die vom Rolling Stone. Die haben gesagt, das sei doch wie Bushido - nur ohne den ekligen Sex und mit Geigen“, lacht er und schüttelt den Kopf. „Als ich hörte, dass sie nichts über meine Platte machen wollten, hat mich das schon enttäuscht. Es hätte mich gefreut, wenn auch Menschen, die irgendwo bei Bob Dylan stehen geblieben sind, etwas über sie hätten lesen können.“
Eigentlich wollte Pierre das Album ja nur produzieren, deshalb stand am Anfang die musikalische Idee: „Ich wollte etwas machen, was es so noch nicht gegeben hat und hatte genug von den ganzen Synthie-Beats. Auf E-Gitarren stehe ich auch nicht so, denn erstens ist zu dem Thema irgendwie schon alles gesagt und zweitens machen sie ganz schnell jeglichen Raum in der Musik zu.“ Also ging es zurück in die Zukunft: Schlagzeug und Orchester liefern die komplette Musik und damit einen ganz eigenen Sound, der intensiv, fett und dabei gleichzeitig filigran ist, der mitten im Bauch landet und von dort unweigerlich in Füße, Beine, Arme, Hände und Hintern krabbelt.
Von Anfang an also kein bescheidenes Projekt. Aber solo heißt ja auch nicht, dass man wirklich alles alleine machen muss, und so kommt allerlei Unterstützung von der etwas entfernteren Seeed-Verwandtschaft: Einer der Schlagzeuger, die in einer dreiwöchigen Trommel-Session in Frankreich die Beats einspielten, ist Roy, der schon bei Miss Platnum und Lychee Lassi hinter den Fellen saß. Zwei Bands, die auch Vincent Graf von Schlippenbach aka DJ Illvibe als Mitglied oder Produzent kennt. Ganz abgesehen davon, dass er bis 2005 bei Seeed hinter den Turntables stand, inzwischen Teil des Produktionsteams „The Krauts“ ist (das nicht nur Miss Platnum oder Boundzound produziert hat, sondern auf derselben Etage residiert, auf der sich auch der Seeed-Proberaum befindet), war er auch an dieser Produktion entscheidend beteiligt. Wer jetzt den Faden verloren hat, merkt sich einfach, dass es um so was wie Familie geht.
Bevor das Orchester ins Spiel kommen konnte, brauchte man die entsprechenden Partituren. Also suchte und sammelte Vincent Orchesteraufnahmen, die dann zerschnipselt und neu zusammengesetzt wurden. Pierre bastelte am Klavier oder am Synthie Dummys mit Plastik-Strings und dann kam ein Fachmann, der alles mit den jeweiligen Notenschlüsseln der unterschiedlichen Instrumente niederschrieb, um die Ideen für das echte Orchester spielbar zu machen. „Das war ein ganz schöner Aufwand, hat aber Spaß gemacht. Für das Orchester war es natürlich ein relativ abstraktes Spielen. Wir haben das ja dann teilweise noch mal auseinander genommen oder umgeschnitten.“
Bis hierher lief alles noch nach Plan, denn Pierre wollte das Album ja nur produzieren, singen sollte Thomas Callaway, besser bekannt als Ce-Lo Green. „Die Instrumentals waren fertig, als sich heraus kristallisierte, dass Cee-Lo auf Grund des immensen Erfolges von Gnarls Barkley keine Zeit haben würde. Inzwischen war auch schon wieder ein Jahr vergangen und die letzte Seeed-Platte lange genug her, so dass ich auch wieder Lust hatte zu texten. Nach und nach hatte ich auch genügend Themen zusammen und eine erste Vision auch für die sprachliche Seite des Albums. Das wurde dann zu einer neuen Herausforderung: eine gute deutsche Pop-Platte zu machen, die gut gereimt ist, zu der man sich bewegen kann, und die sich inhaltlich um Sachen dreht, die mich bewegen und meine Gefühle widerspiegeln.“
„Ich hatte die Themen und habe angefangen zu schreiben, aber man kommt dann irgendwann an einen Punkt, wo es gut ist, jemanden zu haben, dem du das mal vorlesen kannst, der dich verbessert oder einen Vorschlag macht. So macht das auch viel mehr Spaß.“ An dieser Stelle kommt Monk aka Duffy ins Spiel, der zum gedank- und textlichen Sparringspartner wurde. Im Ergebnis eine verdammt fruchtbare Zusammenarbeit, denn die Texte sind ernst bis ironisch, kitschig bis böse, traurig bis albern, die Reime sitzen perfekt und das Spiel mit den Worten ist schlau. Erstaunlich übrigens, wie am Ende Musik und Text zu einer Einheit werden, obwohl in diesem Fall ja die Musik immer zuerst da war.
Natürlich geht es immer mal wieder und immer anders auch um das schwache Geschlecht, das man hier anbetet, dort zur Bar trägt, mit dem man am See 20 Kinder zeugt, das Trauer trägt, wenn man(n) weiter zieht, das putzt, kocht, tanzt, Haut zeigt und einen rettet, wenn man mal wieder den Kopf verloren hat. Kein Wunder, schließlich war es entscheidend und von Anfang an an all dem hier beteiligt - denn: „Singen kommt bei den Bräuten gut an“. Pierre lacht. „Am Anfang war das schon eine Motivation. In einer Band Gitarre spielen war cool, aber singen wollte keiner. Ich hab‘s dann trotzdem mal probiert und schnell gemerkt, dass die Frauen das super finden. Ich bin vor Scham im Boden versunken, als ich mich selbst gehört habe, aber irgendwelche Mädchen fanden‘s toll und das war auch ein Grund, dabei zu bleiben.“
Es hat sich gelohnt - für uns und für ihn, die „Abrissbirne der deutschen Szene“, der laut Presseinformation jetzt und hiermit auszieht, ’die deutsche Pop-Musik zu retten’. Kein unbescheidener Auftrag, aber hey, wer es schafft, als Seeedling tatsächlich mit dem Kiffen aufzuhören, der kriegt auch das hin. „Das war sicher nicht die erste Motivation, dieses Album zu machen. Aber ja, ich finde vieles hier zu vermottet und öde und habe das Gefühl, dass sich die Leute tendenziell zu schnell zufrieden geben. Natürlich ist nicht alles scheiße, aber dafür, dass wir 80 Millionen sind, die in einem Land leben, das eine durchaus relevante Musikgeschichte hat, finde ich das meiste dann doch reichlich schwach. Es ist schade, dass viele Leute so viel wollen, aber so wenige bereit sind, alles dafür zu geben.“
Pierre hat alles gegeben - so und so, wenn auch mit einem kalkulierbaren Risiko. Die nächste Überraschung wird uns dann Ende November erwarten, denn dann werden wir wissen, wie er die Herausforderung lösen wird, diesen Film auf eine Bühne zu bringen. Der Cast steht schon fest und erinnert ebenfalls an Seeed: „Es werden insgesamt zwölf Musiker sein, davon sind fünf Schlagzeuger.“ Apropos - keine Frage übrigens, ob es sich bei dem Album eher um Musik für zwölf Filme oder doch für zwölf Szenen aus ein und demselben Film handelt: „Durch den Sound, der ja aus einer Drum-Session und immer demselben Orchester besteht, ist es für mich eine Einheit. Klar gibt es den ein oder anderen Ausreißer, aber im Großen und Ganzen geht es um die Themen eines Typen, der über 30 ist und in einer großen Stadt lebt - egal, ob das jetzt Berlin, Hamburg, Madrid oder London ist.“ Großes Kino eben.
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06.12.2008
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