- Text: Heiko Reusch
- Fotograf: Jan Windszus
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Tomte
Und es kommt aus dem Osten
Bastarde, Chancenschönheit, eine Stadt mit Loch. Thees Uhlmann, Sänger von Tomte, hat schon über so vieles gesungen und dabei immer die richtigen Worte gefunden.
„Ich bin bereit, gib mir Korn und Sprite“ forderte Uhlmann vor rund acht Jahren in seinem Lied ‘Korn & Sprite‘, damals der erste Achtungserfolg für die WahlHamburger. Heute geht es bei Tomte nicht mehr um Achtung oder Anerkennung. Die haben sie längst erlangt. Mit ‘Hinter All Diesen Fenstern“ (2003) wurden sie zu einem Aushängeschild des deutschen Indie-Rock made in Hamburg. ‘Buchstaben Über Der Stadt‘, das Uhlmann’sche Manifest der Liebe kletterte 2005 in die Top-Ränge der deutschen Albumcharts. Schön hoch gelegt, die Latte.
Doch es ist nicht nur Tomtes Musik, die hoch im Kurs steht. Es ist auch die Person Thees Uhlmann. Zusammen mit Marcus Wiebusch und Reimer Bustorff (beide bei Kettcar) gründete er 2002 das äußerst erfolgreiche Label ’Grand Hotel van Cleef’, das mit dem alljährliche tourenden „Fest van Cleef“ seinen eigenen Wanderzirkus des Indie etabliert hat; außerdem stand Uhlmann mit Heike Makatsch und Jürgen Vogel im Film „Keine Lieder über Liebe“ vor der Kamera, als Gitarrist der Hansen Band. Das Feuilleton schlägt Dauerpurzelbäume für den 34-jährigen Sänger; Popkultur-Macker und Musiknormalos begeistern sich gleichermaßen für den „Robbie Williams der Germanistikstudentinnen“, wie er einst von einer Radio-Journalistin genannt wurde.
Und nun, am Ende des Jubels: ‘Heureka‘, das neue Tomte-Album inklusive Aufnäher zum Rausnehmen und Aufsticken. „Na, endlich“, denkt man da: „Tomte-Jugend! - wurde auch mal Zeit!“ Auch Thees zierte als Heavy-Kid von Hemmoor die beliebte „Business in the front, Party in the back“-Frise, und an seinen einst liebsten Kuttenschmuck kann sich der Mann noch erinnern. „Ein Metallica-Rückenaufnäher! Da kam so eine Hand mit einer Klinge aus dem Klo und darunter stand: ’Metal up your Ass’. Wahnsinnsding!“ Die Tomte-Variante von Klinge aus dem Klo wirkt allerdings dann doch etwas dezenter. Sind ja auch nicht Metallica, die Burschen. Weder musikalisch noch textlich packen Tomte Metal-Fantasien der Generation 40+ aus.
Einige Veränderungen gibt es aber trotzdem. ‘Heureka‘ ist das erste Album, das in Berlin geschrieben wurde. Der Umzug vom hedonistischen Hamburg ins noch hedonistischere Berlin hat auch bei Uhlmann seine Spuren hinterlassen. „Es gibt Zeilen“, so Thees, „die konnten nur in Berlin entstehen. Den Song ‘Nichts Ist So Schön Auf Der Welt, Wie Betrunken Traurige Musik Zu Hören' hätte ich in Hamburg nicht geschrieben, weil in Berlin die Strecken viel größer sind und man kann viel länger iPod hören, wenn man besoffen nach Hause torkelt.“ Doch es ist nicht nur die Stadt, auch Thees’ Privatleben hat sich nicht zuletzt durch die Geburt seiner Tochter gehörig verändert. Während die Songs auf ‘Buchstaben Über Der Stadt‘ nach einem ungestümen, verliebten und zweifelnden Kerl klangen, wirkt der heutige Familienvater auf ‘Heureka‘ vor allem eins: glücklich. „Das wäre ja ziemlich hinterfotzig, wenn ich nach all dem Glück und der Freude, die ich eben erlebt habe, auf der Platte eher Negatives vorgaukeln würde. Das Gefühl, das die ‘Buchstaben‘-Platte so gelenkt hat, also all der Zweifel, das ist immer noch Teil von mir, aber momentan eben nicht so ausgeprägt.“
Damit aber jetzt keine falsche Vorstellung aufkommt: Auf ‘Heureka‘ klingt Thees zwar glücklicher als auf vorherigen Alben, aber immer noch nicht fröhlich genug, um Mickie Krause auf Malle Konkurrenz zu machen. Der Tomte-typische Sound ist geblieben, auch wenn es am Line-Up durch den Ausstieg von Bassist Oliver Koch und Schlagzeuger Timo Bodenstein einige Veränderungen gab. „Es ist immer noch dasselbe Bandgefühl bei Tomte. Wobei ich mir langsam richtig Oldschool-mäßig vorkomme. Auf die Frage: ‘Was machen sie denn beruflich?‘ würde ich antworten: ’Ich spiele in einer Band, die große traurige Akkordformationen zusammenschiebt, und ich singe Texte über mein Leben.’ Deswegen heißt einer unserer Songs ja auch ‘Der Letzte Große Wal‘. Ich komme mir nämlich so vor, als ob ich der Letzte bin, der das noch macht. Um mich herum sehe ich Leute, die sich ganz anders anziehen als ich und wahrscheinlich ein halbes Kokainproblem haben. Und ich fühle mich langsam wirklich eher wie Thin Lizzy als wie 30 Seconds To Mars.“
NIKOLAUS SPECIAL! LIVE: ATTACK IN BLACK & STALIN VS. BAND
06.12.2008
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