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Bild: TV On The Radio
  • Text: Michael Haacken
  • Fotograf: Michael Lavine
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TV On The Radio
Tanzstunden für Nihilisten


Nach zwei Alben Berichterstattung aus den entlegeneren Regionen der Rock-Galaxie setzen sich TV On The Radio mit ’Dear Science’ ins selbstgemachte Nest. Da ist es plötzlich so weich und warm geworden, dass auch schräge Vögel mal für ein Elf-Eier-Omelett vorbeifliegen. Nur die religiöse Rechte bleibt bitteschön draußen.

„Zwei Dinge sind uns seit dem letzten Album widerfahren“, erklärt Jaleel Bunton, Schlagzeuger bei TV On The Radio und auskunftsfreudiger Fan seiner neuen Platte. „Erstens: Wir sind viel auf Tour gewesen und dabei auf andere Gedanken gekommen. Fröhlichere Gedanken. Die andere Sache habe ich gerade vergessen.“

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Bunton sagt, als Band verbringe man inzwischen so viel Zeit auf Tour, dass man zwangsläufig zusammenwachsen würde. Als Beleg dafür klingt das neue Album ‘Dear Science‘ wie ein einziger großer Song, die experimentelle Seite ihres Avantgarde-Rock zwangsverpflichtet für die melodieseligsten Momente ihrer Karriere. Der große TVOTR-Stilmix, verchromt für eine Sonntagsfahrt über die Hauptstraße: „Wir sind einfach als Band gereift, sind älter und erfahrener geworden. Wir haben mehr Ideen, wir haben Arbeit vor uns.“ Im Falle von ‘Dear Science‘ ist das auch Trauerarbeit. Sänger Tunde Adebimpe verlor gleich mehrere Familienmitglieder im Vorfeld der Aufnahmen, und auf dem warmherzigen ‘Family Tree‘ vermeint man das auch zu hören.

Trotzdem ist die neue LP mehr Sonnenstrahl als Wolkenbruch, auch weil die Mitglieder der Band laut Bunton „im Herzen eigentlich Romantiker“ sind. „Als ich jung war, kam ich mir wahnsinnig smart vor, weil ich so pessimistisch war. Jeder junge Nihilist glaubt, das wäre der einzige Weg, um intelligent rüberzukommen. Mit dem Alter kapiert man dann aber, dass man sowieso irgendwann draufgeht, und da amüsiert man sich doch besser gleich so gut es geht.“

Und auch wenn TV On The Radio traditionell zu den Bands gehören, die eher über die richtigen Dinge mosern, macht sich bei ihnen mittlerweile eine fast schon orientalische Gelassenheit breit. „Es wird irgendwann tatsächlich schwer, permanent enttäuscht zu sein. Wenn man ins Straucheln kommt, ist das zwar erst mal ein Schock, aber wenn man für anderthalb Stunden fällt, muss man mit der Zeit etwas anzufangen lernen.“

Wobei: Im aktuellen politischen Klima der USA ist es nur die halbe Miete, seine persönliche Revolution für beendet zu erklären. Bunton spürt eine gewisse Gleichgültigkeit um sich herum, in einem „Land, das eine lange Geschichte der Heuchelei hat. Der Song ‘Red Dress‘ handelt davon, nicht apathisch zu werden. Das ist ein Aufruf, auch an uns. Und ein Aufruf, sich zu freuen. Es geht darum, die Realität zu feiern, heftiger zu leben.“ Jaleel sagt, er hätte Barack Obamas Bücher gelesen, und sich „noch nie so repräsentiert gefühlt.“ Wenn der demokratische Kandidat die Wahl verliert, so Bunton, „dann nicht, weil McCain gewinnt. Ich glaube, es wäre ein ziemliches Statement zur Rassenzugehörigkeit.“

Als Frustabbau empfiehlt er inzwischen das Tanzen, auch wenn er selbst „dringend Tanzstunden gebrauchen“ könnte. „Tanzen lässt mich lebendig und zugehörig fühlen. Und es hilft, aus dem Zynismus auszubrechen. Fünf Minuten vorher und zehn Minuten nachher sieht es vielleicht anders aus, aber wenn ich tanze, kann ich nicht deprimiert sein. Dann fällt mir wieder ein, dass doch nicht alles Ruß und Verderben ist.“

Um das Leben zwischen den Stühlen geht es auch bei ‘Dear Science‘. Jaleel ist der Meinung, die angesprochene Wissenschaft könne der menschlichen Existenz die ganze Seele entziehen, und würde trotzdem als Segen verkauft. „Bei allen unbestreitbaren Vorteilen steht sie der menschlichen Entfaltung doch manchmal einfach im Weg. Das muss man als schmutziges, stinkendes, virenverseuchtes Wirtstier auch akzeptieren. Wenn Wissenschaft die neue Religion ist, muss ich passen. Sie hat nicht dieses Monopol auf die Wahrheit.“

Mit wirklichkeitsentrückten Hardcore-Christen kann Bunton deshalb trotzdem nicht viel anfangen. Auch wenn er von einer friedlichen Koexistenz von Religion und Wissenschaft träumt, hält er die Bibel nicht für ein Schulbuch und kreationistische Standpunkte „für völlig verfehlt. Ich kann keine vernünftigen Gespräche mit jemandem führen, der nicht anerkennt, dass Schimpansen und Menschen doch verdammt verwandt aussehen“. Und eine passende Geschichte dazu hat er auch noch: „Eine Bekannte von mir erzählte mir von ihrem Kind, das im Erdkundeunterricht danach fragte, ob Afrika und Südamerika vielleicht früher mal ein Kontinent gewesen sind, und der Lehrer sagte offenbar ganz selbstbewusst: Ausgeschlossen! Ich meine, wer das nicht erkennt, leidet doch wohl sehr unter Realitätsverlust, oder?“

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