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Bild: Ill Scarlett
  • Text: Frank Thiessies
  • Fotograf: Richard Sibbald
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Ill Scarlett
Reggae Time


Kein Zweifel, die kanadischen Billy Talent-Kumpels von Ill Scarlett haben mit ’All Day With It’ wahrlich etwas erhaben Alternatives geschaffen, das von No Doubt über Sublime bis hin zum Crossover-Dub-Reggae-Rock alles beinhaltet, was eine pralle Tüte voller Hits so braucht. Diese Band groovt sich gnadenlos ins Hirn.

Dabei ist die Scheibe in ihrer Heimat bereits seit einem Jahr draußen und Ill Scarlett dort abgefeierte Allstars, wie wir bei einem tosenden Heimspiel-Gig in Toronto vor ein paar Wochen am eigenen Leib erfahren durften. Doch besser spät als nie, schließlich kommt der Rest der Welt nun endlich auch in den Genuss dieses Genregrenzen sprengenden Geniestreichs, der schon jetzt den Titel „Sommeralbum des Jahres“ für sich in Anspruch nehmen darf - auch wenn hierbei ebenfalls die leichte Verspätung gilt.

Die Zeit spielt dennoch für die Band, die sich zunächst mit zwei lokalen DIY-Veröffentlichungen nicht nur die nötige Fanbase, sondern auch die Reife-Sporen erspielt hat, die ihre Ska-Symbiose in Verbindung mit dem eigenen Alternative-Rock-Pop-Pastiche so unwiderstehlich macht. Kein Wunder, denn alle Bandmitglieder machen mit ihrem gleichwertig einfließenden Input und unterschiedlichen musikalischen Referenzen die eklektischen kreativen Elemente von Ill Scarlett erst aus. Gitarrist Will Marr fasst die einzelnen Vorlieben zusammen: „Ich bin mit Punk aufgewachsen und dazu habe ich früher auch Aerosmith und viel Hair-Metal gehört, was meinen Kompositionsstil beeinflusst hat. Sänger Alex dagegen ist mit Green Day, Nirvana und Deftones groß geworden. Basser John ist der Oldies-Typ, er steht auf die Beatles und solchen Kram, und unser Drummer Swavek hat eben einen Dauerständer für Dave Grohl.“ Was soll da schon schief gehen?

Großer gemeinsamer Bandnenner bleibt natürlich Sublime, auch wenn Ill Scarlett bislang besser auf sich aufgepasst haben als deren unglücklicherweise an einer H-Überdosis frühzeitig verreckter Kopf Bradley Nowell. Alex gibt sich in Anbetracht der anstehenden Jack Daniel’s-Tour scherzend skeptisch. „Danach werden wie alle vier wahrscheinlich simultan mit einer Überdosis Jack umkippen“, befürchtet der Sänger augenzwinkernd. Doch keine Sorge, Ill Scarlet nehmen ihren musikalischen Unterhaltungsauftrag auch auf lange Sicht ziemlich ernst. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen: „Wenn ich eine OP habe, möchte ich ja auch einen nüchternen Arzt. Und dabei habe ich – im Gegensatz zu den Kids, die zu einer Show kommen - noch nicht mal Kohle dafür gelatzt, denn in Kanada haben wir ein Gratis-Gesundheitssystem.“ Nicht das einzige, was in Kanada verglichen mit den USA anders läuft. Denn dort dreht man toleranter Weise nicht sofort durch, wenn es um traditionelle Reggae-Rausch-Begleiterscheinungen geht. „Manche unserer Songs vermitteln nun mal das Gefühl eines Joints an einem Sommertag. Wir sind jetzt keine Befürworter für Marihuana-Konsum oder so, aber auf der anderen Seite sind wir genauso für individuelle Entscheidungsfreiheit“, so (jeder) Will. Und für alle anderen Fach-Fragen können die Jungs immer ihre kanadischen Chartbrecher-Kumpels konsultieren und auf deren Erfahrungsschatz zurückgreifen. „Wenn wir zum Beispiel vorher wissen wollen, welche Frauen man in Hamburg besser nicht anmacht, fragen wir bei Billy Talent nach“, so Alex. „Die kennen sich da ja bestens aus.“ Zeit, dem nach- und gleichzuziehen.


Toronto, Stadt der Träume

Auch wenn Ill Scarlett ursprünglich aus Mississauga stammen, war Toronto sowie der erste Schritt zum Ruhm nie viel mehr als 21,9 Kilometer weit entfernt. Dabei hat die Hauptstadt der Provinz Ontario und zugleich größte Metropole Kanadas genau zwei musikalische Söhne in petto, die perfekt zu Ill Scarlett passen: Zum einen wurde hier nämlich vor 63 Jahren Hippie-Urvater und Restriktions-Rebell Neil Young geboren. Zum andren nennt Toronto mit Snow (bürgerlich Darrin O’Brien) genau jenen Künstler sein eigen, der 1993 mit „Informer“ den Rest der Welt über die Präsenz einer kanadische Dub-Reggae-Szene erfolgreich informierte.

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