- Text: Florian Hayler
- Fotograf: Erik Weiss
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Special
Scars On Broadway vs. Serj Tankian
Schwere Zeiten für alle Fans von System Of A Down. Nachdem im vergangenen Jahr SOAD-Frontmann Serj Tankian mit ‘Elect The Dead‘ ein mit Lorbeeren gesegnetes Soloalbum vorlegte, sorgen nun auch seine (Ex-)Kollegen Daron Malakian und John Dolmayan mit Scars On Broadway für gehörig Aufsehen.
Tatsächlich hat es den Anschein, als blühten beide Parteien ohne das Korsett ihrer Band System Of A Down regelrecht auf. Das verwundert nur wenig - schließlich war das System zuletzt ein fehlerhaftes und mehr Kompromiss als Konsens. So offenbart sich auch im Gesprräch mit sowohl Malakian als auch Tankian eine ideologische, inhaltliche und musikalische Diskrepanz, die eine Reunion von System Of A Down in weite Ferne rückt. Es scheint, als sei das einzige, was beide Parteien heute noch verbindet, ihre gemeinsame Vergangenheit.
Schon beeindruckend, was Daron Malakian gemeinsam mit seiner neuen Band da auf Rille zauberte: Das mit „Scars On Broadway“ betitelte Debütalbum des 33-jährigen Amerikaners armenischer Abstammung belegt eindrucksvoll sein kompromisslos verfolgtes Ziel, die Scars On Broadway „zeitlos und roh“ klingen zu lassen: Das Mastermind verzichtet bei den 15 Songs des Albums auf jeglichen Bombast, baut griffige Refrains und Haken schlagende Breaks und textet darauf angenehm metaphernarme Verse. Dass seine jetzige Band nach unzähligen, testhalber ins Leben gerufenen Umbesetzungen auch live ganz formidabel zündet, durften deutsche Fans bereits Ende Juni am eigenen Leib erfahren, als die Scars um Malakians Ex-SOAD-Kollegen John Dolmayan sowie Gitarrist Franky Perez, Danny Shamoun (Keyboard) und Bassist Dominic Cifarelli für zwei Clubkonzerte nach Köln und Berlin gereist kamen. Für Malakian waren diese ersten Konzert mit seiner neuen Band „etwas ganz Besonderes“, denn im Gegensatz zu den routiniert durchgezogenen SOAD-Shows sind die Auftritte der Scars noch immer ein „echtes Abenteuer“.
Daron, wann kamst du auf die Idee, eine neue Band gründen zu wollen?
Schon vor ein paar Jahren. Im Grunde trage ich die Idee der Scars On Broadway seit den letzten beiden System Of A Down-Alben („Mezmerize“ und „Hypnotize“, beide 2005) mit mir herum. Ich habe damals festgestellt, dass mein Songwriting mehr in eine Rock-Richtung abdriftet – das war ein ganz natürlicher, unterbewusster Prozess, den ich bei den Aufnahmen aber deutlich zu spüren bekam. Nicht zuletzt daraus resultierten auch SOAD-Songs wie „Lonely Day“, „Lost In Hollywood“ oder „Soldier Side“, mit denen wir als Band definitiv neues Terrain betraten. Scars On Braodway sind im Grunde also die Weiterführung dessen, was sich bei meinen letzten Songs für System bereits angedeutet hat.
Stand seinerzeit bereits fest, dass dein Kollege Serj ein Soloalbum veröffentlichen wird?
Ja, und nicht zuletzt deshalb fragte ich mich natürlich, wie es denn mit System und vor allem mit mir persönlich weitergehen würde?! Mir blieb also die Wahl zwischen einer Zwangspause oder einer neuen Band, und ich habe mich für letzteres entschieden.
Betrachtest du Scars On Broadway nun als dein neues, vollwertiges Betätigungsfeld oder als Boxenstop, mit dem du die Zeit bis zum nächsten System Of A Down-Album überbrückst?
Nur damit das klar ist: Scars On Broadway sind kein Projekt, sie sind die neue Heimat für meine Songs! Ich warte nicht auf den Tag, an dem System Of A Down zurückkommt, sondern konzentriere mich zu 100% auf meine Arbeit mit den Scars.
Seid ihr eigentlich fünf gleichberechtigte Musiker oder sind Scars quasi das zur „Band“ formierte Soloprojekt von Daron Malakian?
Ich bin ein absoluter Band-Typ, ein Teamspieler. Das war bei System so, und das ist auch bei Scars nicht anders. Ich habe vielleicht das musikalische Know-How, um ein Soloprojekt zu verwirklichen, aber nicht den nötigen Ehrgeiz oder generell das Interesse. Ich bin ein Songwriter mit Visionen, und jeder andere in der Band trägt seinen Teil zu deren Gelingen bei.
Gab es denn jemals so etwas wie einen Machtkampf zwischen dir und Serj, beispielsweise wenn es darum ging, wer wie viele seiner Stücke auf einer System-Platte verankern kann?
Nein, eigentlich nicht. Ich wurde immer als gleichberechtigter Songwriter akzeptiert; niemand hat jemals gesagt, er möchte meine Songs nicht spielen oder meine Texte nicht singen. Im Gegenteil: Unser Manager oder Rick Rubin, unser damaliger Produzent, sind mehr auf meine Songs abgefahren als auf die von Serj. Also hat er sich für seine Stücke ein anderes Ventil gesucht.
In welchen Punkten gingen eure Vorstellungen auseinander?
Manchmal wurde mir der politische Aspekt in den System-Songs einfach zu viel, denn er gewann gegenüber der Musik oft die Überhand, und das hat mir oft die Laune verhagelt. Ich habe zwar auch einige politische Stücke für SOAD verfasst, aber meistens nur, um Serj damit einen Gefallen zu tun. Mir ist es wichtiger, Dinge anzusprechen, die mich persönlich beschäftigen und nicht ständig meinen Finger auf DIESEN korrupten Öl-Konzern oder JENEN ungerechten Krieg zu richten.
Wie würdest du dein Verhältnis zu Serj heute beschreiben?
Freundschaftlich. Er hat mir gerade erst zum Geburtstag gratuliert! Kein Mitglied von System Of A Down ist miteinander verfeindet, es gab keinen großen Knall, mit dem sich alles in Luft auflöste. Wir haben das Pferd lange genug geritten und nun ist es an der Zeit, sich auf unbestimmte Zeit etwas Neuem zu widmen. Jedenfalls sind wir so verblieben.
Im Gegensatz zu Daron Malakian hat Serj Tankian momentan wenig Interesse daran, über seine Zeit mit System Of A Down zu reden. Der politische Aktivist und Mitbegründer der ‘Axis Of Justice‘ tanzt – beflügelt vom Erfolg seines Soloalbums ‘Elect The Dead‘ – auf unzähligen Hochzeiten: So ist Tankian derzeit gemeinsam mit dem Dramaturg Steven Sater damit beschäftigt, die Tragödie „Der gefesselte Prometheus“ mithilfe eines Orchesters(!) in ein Musical zu verwandeln, parallel arbeitet der 41-Jährige an einem neuen Soloalbum. Das wiederum wird Dank seiner Kollaborationen mit Fugees-Mitglied Wyclef Jean oder einer Bande Jazz-Musiker „ganz anders“ ausfallen als noch ‘Elect The Dead‘. Außer seinen musikalischen hat Tankian natürlich auch hehre politische Ziele, darunter die endgültige Anerkennung des Armenischen Genozids seitens der Türkei, die ökologische Revolution und nicht zuletzt die Befreiung Tibets von den chinesischen Besatzern. Ihr seht: Dieser Mann blickt nicht zurück, sondern starr in Richtung Zukunft, und ein sämtliche zeitlichen und geistigen Ressourcen fressendes Bandgefüge wie das von System Of A Down würde ihn bei seiner Mission nur behindern. Entsprechend frei und voller Tatendrang wirft sich Tankian in die nächsten Monate, die für ihn vor allem eines bedeuten: wenig Schlaf und harte Arbeit.
Serj, vermisst du bei deinen vielen Projekten manchmal das lustige Bandleben?
Nein, überhaupt nicht, denn ich spiele ja mit F.C.C, den Flying Cunts Of Chaos, meiner Backing-Band vom „Elect The Dead“-Album. Leider ist unsere gemeinsame Zeit begrenzt, denn ich widme mich bald wieder neuen Projekten und brauche dafür keine permanente Band. Das würde mich nur einschränken.
Trotzdem umgibst du dich gerne mit anderen Musikern, wie deine Zusammenarbeit beispielsweise mit Wyclef Jean oder der Band Bitter Sweet verdeutlicht.
Absolut. Ich genieße es zurzeit sehr, mit jedem Song in andere musikalische Sphären abzutauchen und arbeite gerne mit verschiedensten Leuten aus verschiedensten Genres zusammen, das erweitert meinen Horizont ungemein. Nichts liegt mir also ferner, mit Musikern zusammen zu arbeiten, die ich nicht mag oder deren Anspruch ich nicht teile.
Bezieht sich dein Interesse an potentiellen Kollaborationen ausschließlich auf die Musik oder müssen die Kandidaten auch politisch auf deiner Wellenlänge liegen?
Politik war nie der Motor meiner Arbeit, sondern nur der Wunsch nach Gerechtigkeit und Liebe. Diese beiden Themen beherrschen meine Musik. Aber ich umgebe mich gerne mit Leuten, die meine Sicht der Dinge teilen. Ich traf neulich gemeinsam mit Moby den Dalai Lama und wir sprachen mit ihm über Ungerechtigkeit, Spiritualität und die Suche nach Wahrheit. Moby fragte den Dalai, was er denn „beruflich“ so tun würde, wenn er nicht das Oberhaupt der Tibeter wäre, und er sagte: Er würde versuchen, den Menschen zu vermitteln, dass der Friede in der Welt abhängig ist von dem Zustand unserer Umwelt und dass es unser oberstes Ziel sein muss, diese zu bewahren.
Wo siehst du dich in zehn Jahren? Wird Musik weiterhin eine Rolle in deinem Leben spielen?
Zehn Jahre – eine lange Zeit. Ich weiß nicht, was die Zukunft bringt, aber ich wünsche mir eine Welt ohne Flaggen, ohne Grenzen und ein ausbalanciertes Miteinander der Völker mit der Natur. Nur so ist ein Fortbestand der Zivilisation möglich. Und persönlich? Ich hoffe, in Zukunft nach all dem Kampf einfach mal in Ruhe surfen zu können – MIT der Welle.
Was macht eigentlich…
...System Of A Down-Bassist Shavo Odadjian? Während seine Ex-Kollegen Soloprojekte (Serj Tankian) oder neue Bands (Daron Malakian & John Dolmayan) gründen, engagiert sich der 34-Jährige gemeinsam Mit Wu-Tang-Clan-Rapper Robert Diggs beim Projekt Achozen.
Nach einigen Gastauftritten bei der „8 Diagrams“-Tour des Clans im vergangenen Jahr arbeitete Odadjian bis kürzlich am Soundtrack zum Science-Fiction-Film „Babylon A.D.“, der am 11. September in die Kinos kommt.
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06.12.2008
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