- Text: Florian Hayler
- Fotograf: Erik Weiss
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The Subways
Herz ist Trumpf
Die letzten drei Jahre machten aus den „blutjungen und spindeldürren Indie-Kids“ namens The Subways drei (immer noch spindeldürre) junge Erwachsene, die ihre ersten zwischenmenschlichen Täler nicht schmerzfrei durchschritten, aber erfolgreich gemeistert haben. Zeugnis dessen: ’All Or Nothing‘, das herrlich laute und bis zum Deckel mit Wut, Ehrlichkeit und Zuversicht gefüllte zweite Album der Subways, für die der Begriff „miteinander“ mehr bedeutet als nur die Summe der einzelnen Teile.
In England der neueste Hit: Fair Trade Kaffee. An jeder Ecke des frühlingshaft aufblühenden London feilgeboten für günstige 5 Euro in den Coffeeshops von Camden, jenem Kultbezirk im Norden der Stadt, dessen weltberühmter Flohmarkt kürzlich von einem Brand sondergleichen um die Hälfte dezimiert wurde. Unweit des Tavistock Squares laden die Subways ein, ein paar Kugeln zu werfen, stilecht auf einer Original-Fifties-Bowlingbahn mit Burger servierenden Rollergirls und knatschroten Kunstledersofas. Es wird gelacht, gescherzt, gepiesackt. Entspannte Atmosphäre also vor dem morgigen „Heimspiel“ des krachenden Trios aus dem nahegelegenen Welwyn Garden City – der Live-Premiere der neuen Songs im „kleinen Rahmen“. Rund 1.000 Fans werden in der ’ULU’, der Konzerthalle der University Of London erwartet, um einen ersten Eindruck von den Songs des heiß ersehnten zweiten Albums zu bekommen. Aber nicht nur die.
England von oben
Ebenfalls angetreten zum Konzert ist der komplette Clan der Brüder Billy und Josh, lediglich die Coopers lassen sich entschuldigen - die Tochter hat soeben ihr halbes Leben in Kartons verpackt bei ihnen abgeworfen, da muss man sich erst mal neu organisieren. Wenn man sich das bunte Treiben und das große Hallo mit all den bierseligen Verwandten über den Köpfen des vor der Bühne tobenden Moshpits so anschaut, könnte man denken: Schon seltsam – da legen Frontmann Billy Lunn (der den Nachnamen seines verstorbenen Großvaters trägt), sein Schlagzeug verprügelnder Bruder Josh Morgan und die hübsche Bassistin Charlotte Cooper seit ihrer Gründung vor fünf Jahren weltweit sämtliche Clubs und Konzertsäle in Schutt und Asche, und dann stehen auf der für die Familie reservierten ’ULU’-Empore ganz normale Leute: Billys Kumpels aus dem heimischen Pub in Harlow, die Tanten, die Onkel, die Nichten, Joshs aus Paris angereiste Braut oder die örtliche Tattoo-Queen, die Billy neulich seinen „Strawberry Blonde“ (den „Straßenköterblond“)-Schriftzug quer über den Bauch tätowierte. Von der sagenumrankten Londoner Hipness-Elite und deren NME-gelenkter Crowd keine Spur. Stattdessen: Ein vor Euphorie bebendes Backsteingebäude, vollgestopft mit Typen in Jeans und T-Shirt und Mädchen in Topshop-Tops. Cool Britannia.
Drum prüfe, wer sich ewig bindet
Das Konzert in der ’ULU’ und die drei darum gestrickten Clubshows im vergangenen April markieren den Startschuss für die „neuen“ Subways, für den gereiften, vom Leben und der Liebe durchgeschüttelten Band-Bund, dessen Mitglieder an den Erfahrungen der letzten drei Jahre gewachsen sind – persönlich und beruflich – selbst wenn diese Bereiche im Falle der Subways untrennbar miteinander verwoben sind. Die emotionale Achterbahnfahrt der drei Frühzwanziger füllt nun auch jede Rille vom treffend betitelten Album ’All Or Nothing‘, das die Band in Etappen in Los Angeles einspielte und dabei viel zu lachen und noch mehr zu weinen hatte. Grund zur Freude war das von Billy gewählte Outfit für seine morgendliche Runde im Pool – er trug ’Speedos’, nicht nur in Amerika zu Recht verpönte und „Paket“-betonende Badehosen -; Anlass für tränenreiche Tage im Studio gab es dagegen oft und reichlich im vergangenen Juni, als sich Billy und seine Verlobte Charlotte drauf einigten, in Sachen Liebe und Beziehung zukünftig getrennte Wege zu gehen. Wenn man die beiden heute, ein Jahr nach dem vorläufigen Ende ihrer Zweisamkeit beobachtet, dann kann man vor so viel funkensprühender Harmonie nur den Hut ziehen: Die beiden sind – trotz neu gefundenen Liebesglücks – immer noch beste Freunde!
Doch nicht nur Trennungsschmerz und zu eng geschnürte Polyamid-Buchsen färben ’All Or Nothing‘ zu einer bunten Tüte aus Melodie und wütender Härte, auch die „demokratische“ Herangehensweise ans Songwriting beflügelte die Band. Vor allem Charlotte und Josh blühten kreativ auf, als Frontmann Billy nach einer Operation an den Stimmbändern für zwei Monate ausgeschaltet war. Death Cab For Cutie-Fanatikerin und Freizeit-DJane Charlotte füllte das bei den end- und gesangslosen Bandproben entstehende Vakuum mit mehr als diesen zaghaften Chören, die noch das Debüt ’Young For Eternity‘ dominierten: Die Dame ist auf ’All Or Nothing‘ zweite Instanz in Sachen Gesang, und Stücke wie ’Girls And Boys‘ oder ’Shake! Shake!‘ wären ohne Charlotte am Mikro nur halb so mitreißend. Frontmann Billy Lunn nutzt sein frisch genesenes Organ lieber dazu, seinen Frust und seine verletzte Seele in kreative Bahnen zu lenken, betäubt seinen Schmerz mit Songs von Shellac, Biffy Clyro oder Future Of The Left und schreit seine Tales vom Verlassenwerden in jedes Mikro, das sich vor ihm aufbäumt. Mit der Kombination aus Angriff und Rückzug, aus Trauer und Hoffnung, tanzt ’All Or Nothing‘ auf der Hochzeit der großen Gefühle. Aber nicht nur das.
"Ich bin ein ausgezeichneter Fahrer"
Während Billy und Charlotte in Los Angeles ihr Beziehungsaus besiegeln, beschäftigt sich Josh mit seinem diagnostizierten ’Asperger Syndrom’, einer leichten Form des Autismus, indem er in alte Geschichtsbücher und in die Musik von Jimi Hendrix und der Vines abtaucht; jener australischen Indie-Rock-Formation, dessen Sänger Craig Nicholls ebenfalls am ’Asperger Syndrom’ leidet, was letztlich auch das Ende der Vines bedeutete: „Natürlich beeinträchtigt Joshs Krankheit den ein oder anderen Bandaspekt“, erklärt Billy. „Er spricht nicht sehr viel und ist gerne mit sich alleine. In Los Angeles ging er nach einem Tag im Studio sofort ins Hotel, er wollte einfach keine Ablenkung. In vielen Punkten ist Joshs Art aber auch sehr hilfreich, zum Beispiel als es um die korrekte Umsetzung unserer Songs im Studio ging: Mein Bruder ist Perfektionist, und es ist nicht leicht, ihn von seinen Vorstellungen abzubringen. Das führte dazu, dass viele der Stücke nun wirklich so klingen wie geplant. Josh sagte zu unserem Produzenten Butch Vig: ’Die Songs sind melodisch genug, jetzt musst du nur noch die Verstärker aufreißen, das Ding muss knallen!‘ Da blieb kein Platz für Kompromisse.“
Billy, nach all dem, was ihr in der letzten Zeit durchgemacht habt - hatte „All Or Nothing“ für euch therapeutische Wirkung?
Billy: Absolut. Wir haben uns von Beginn an geschworen: Egal, was passiert, die Band hat oberste Priorität. Nach der Trennung von Charlotte und mir wurde klar, dass uns die Musik, unsere Band, wirklich gerettet und durch eine verdammt harte Zeit geholfen hat.
Josh: Ehrlich gesagt glaube ich, dass wir seitdem eine bessere Einheit sind, ich fühle mich nicht mehr so oft wie das fünfte Rad am Wagen, sondern als gleichberechtigtes Mitglied.
„All Or Nothing“ - alles oder nichts. Was, wenn von dem Album nicht mehr übrig bleibt als „nothing“?
Billy: Dann hatten wir wenigstens eine großartige Zeit! Aber im Ernst: Wir haben Sehnsucht, Hoffnung, Träume. Natürlich gilt es, unzählige Hürden zu nehmen, aber man sollte nicht rumjammern, sondern jede Sekunde daran denken, dass man sein Glück selbst in der Hand hat. Wenn man stets alles gibt, dann ist es auch okay zu scheitern. Ich könnte morgen sterben und wüsste, dass ich meine komplette Kreativität in dieses Album gesteckt habe. In mir und in uns ist nichts, was es noch hinzuzufügen gäbe. Das allein ist Erfolg genug.
LIVE: TWO SHOES & FIVE! FAST!! HITS!!!
18.10.2008
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