- Text: Florian Hayler
- Fotograf: Erik Weiss
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Disco Ensemble
Ruhig mal wieder auferstehen
Fernab von knallebunten Indie-Raves und bebrillten Hipster-Partys in Paris, London oder Unna rumort im finnischen Helsinki der Punk-, Post- und Hard-core-Mob. Seine Anführer: Die sacklustigen und enorm kaffeesüchtigen Gesellen vom Disco Ensemble, die mit ihrem neuen Album ‘Magic Recoveries‘ dem adrenalingetränkten Rock 2.0/08 ein neues Fundament gießen. Keine Sorge, es ist aus Beton.
Da braut sich was zusammen in der finnischen Hauptstadt. Mit dem aufstrebenden Label ‘Fullsteam‘ als Epizentrum einer neuen und schnell wachsenden Punk- und Rock-Szene ist es nur noch eine Frage von Wochen, bis Bands wie Downstairs, No Shame oder eben Disco Ensemble weltweit für frischen Wind in den Moshpits sorgen. Erstes Indiz dafür, dass das 5.3 Millionen Einwohner zählende und so gemütlich zwischen Norwegen, Schweden und Russland eingebettete Finnland langsam aber sicher zu eng für die explosiven Klangexperten werden dürfte, war die kürzlich durch Berlin fegende finnische Musikwoche. Für Disco Ensemble als Pioniere und Anführer dieser rastlosen und koffeingetriebenen Horde finnischer Nachwuchsbands bedeutete die im Rahmen des Finnenfests absolvierte Live-Taufe der neuen Songs vor allem eines: Pure Erleichterung. Denn der Weg zum dritten Album war nicht nur gesäumt von einer Allee aus Endlosdiskussionen und baumhohen Problemchen, sondern ein an den Nerven zehrendes Warten auf die „magischen Momente“. Als die aber erst mal kamen, wurde es ganz schön heftig...
Es gibt kein Licht im Niemandsland
Gott sei Dank ist weit und breit nichts und niemand ernsthaft gefährdet, als die Krachcombo die Magie durchzuckt. Mikko Hakiloa (Schlagzeug), Miikka Koivisto (Gesang), Lasse Lindfors (Bass) und Jussi Yilkoski (Gitarre) gastieren Ende letzten Jahres in den idyllisch gelegenen PUK-Studios in der dänischen Einöde, um dort mit Produzent Pelle Gunnerfeldt (Hives und so) an dem Song-Patchwork zu schrauben, das sie zuvor im heimischen Proberaum zwischen Lakritzschnecken vernichten und E-Mails beantworten erarbeitet haben: Ein Riff hier, eine Textzeile da und im Anschluss eine halbe Stunde Bandjam - fertig ist die Hymne. Jedenfalls fast: „Es klingt vielleicht wie ein Klischee“, erklärt Ex-Brillenträger Jussi, „aber die Hauptinspiration für unsere Songs beziehen wir aus uns selbst. Ausgeschlafen und auf Kaffee sind wir vier eine unschlagbare Kombination. Wenn ich eine Melodie im Kopf habe, antworten die anderen nicht mit Worten, sondern mit ihren Instrumenten. Es gibt also einen konstanten musikalischen Dialog, der im besten Fall zu einem Song wird. Das kann manchmal Wochen dauern, manchmal entstehen so aber auch drei Songs an einem Tag.“
Abgesehen von ein paar Trips zum nächstgelegenen (rund zehn Kilometer Fußmarsch) Supermarkt, wo sich die vier mit frischem Rotwein und leckerem Zitronensaft eindecken, isolieren sich Band und Mitarbeiter komplett von der Außenwelt und experimentieren mit ungewöhnlichen Sounds, die sie in ihren explosiven Klangmix kippen: Das Surren des Kühlschranks, das Brummen der Dorf-laterne, ein paar Töne vom verstimmten Klavier am anderen Ende des Flurs. Außerdem duscht die Band so wenig wie möglich, stemmt Gewichte und beschäftigt sich mit lustigen Schlafexperimenten. Zum Beispiel: dem „Naphopping“, der vom Disco Ensemble eigens praktizierten und ultimativen Lösung aller Schlafprobleme. Wirkt garantiert besser als die Kombi Alkohol + Schlaftabletten. Aber Achtung! Nur für Erwachsene.
Naphopping für Anfänger:
1. Sorge für die nötige Müdigkeit
(durch Sport, singen, Probleme wälzen etc.)
2. Suche dir einen abgefahrenen Schlafplatz.
Einen Ort, den du beim Aufwachen mit
Sicherheit nicht wiedererkennst
(Kofferraum des Autos oder einen anderen,
komplett abgedunkelten Raum)
3. Kalkuliere die Weckzeit auf rund eine Stunde
Schlaf, die anschließenden Wecktöne auf
Zehn-Minuten-Intervalle
4. Schlaf ein
5. Wenn dich der Wecker aus dem Schlaf reißt,
denke fest an etwas, von dem du gerne
träumen würdest (Weltfriede, Tegan & Sara,
ein Riff, Himbeeren)
6. Wenn alles rund läuft, dann träumst du von
Himbeeren naschenden und dabei coole Riffs
zockenden Tegan & Sara im befriedeten Irak.
7. Wenn nach zehn Minuten der nächste Weckruf
erklingt, füge deinem Traum weitere anatomische
Wunder hinzu. Zum Beispiel Iggy Pop.
8. Sollte dein Traum seltsame Formen annehmen:
Gut so. Denn es wird noch besser...
Na dann gute Nacht.
Genesen oder genesen lassen
Ihr seht: So schnell kann‘s gehen mit der „magic recovery“. Einfach ein bisschen vorschlafen, schon platzt der Körper vor Kreativität! Im Falle von Disco Ensemble sind die „magic recoveries“ aber mehr als rein gesundheitlicher Natur. Die vier ziehen aus ihrem Bandgefüge die Kraft und das Selbstvertrauen, das ihnen durch den Alltag und diese stets omnipräsenten Stimmungsschwankungen hilft, die wahrscheinlich jeder Finne mit der Muttermilch aufsaugt.
Seid ihr eine von Natur aus skeptische Band?
Mikko: Wir sind eher eine zynische Band. Und wir sind nie wirklich zufrieden mit unserer Arbeit; wir finden immer ein Haar in der Suppe. Das kann manchmal ziemlich nerven, garantiert aber auch, dass wir nur Songs veröffentlichen, hinter denen jeder einzelne hundertprozentig stehen kann.
Jussi: Jedes Stück auf „Magic Recoveries“ stand mindestens einmal auf der Kippe. Aber so arbeiten wir nun mal: Wir nähern uns langsam von einem Level der totalen Ablehnung einem Zustand des bestmöglichen Kompromisses, und im Anschluss feilen wir an den Details. Das funktioniert blendend.
Mikko: Trotzdem: Wir sind solche Perfektionisten, dass wir uns jetzt, nachdem das Album fertig vor uns liegt, klammheimlich wünschen, wir könnten noch an ein paar Details drehen. Das ist natürlich völlig bescheuert. Deshalb ist es für uns auch gut und wichtig, Deadlines gesetzt zu bekommen. Sonst kämen wir nie zu einem Ergebnis.
So wurde aus ’Magic Recoveries‘ ein Album, das sich inhaltlich mit den Themen Flucht, Hoffnungslosigkeit und Zuversicht auseinandersetzt, stets angetrieben durch das gellende Organ von Frontmann Miikka. Im Vergleich zum Vorgänger, dem sagenhaften ’First Aid Kit‘, haben Disco Ensemble in Sachen Improvisation und Experimentierfreude noch ein paar Schippen draufgelegt. Die 13 Stücke des Albums schlagen mehr Haken pro Song als ein Boxer in einem Zwölf-Runden-Fight, pendeln zwischen laut, leise und brachial, fressen Synthie-Sounds, klinken Riffattacken und reißen dicke Krater in bisher unbeackertes Terrain. ’Magic Recoveries‘ ist ein Album wie für die Bühne designt. Es klingt nach frühen Faith No More und späten Billy Talent. Es atmet den Spirit von ’Kill ’Em All‘ und flirtet genauso mit der Destruktivität von Nine Inch Nails wie mit dem Pop-Appeal von Jimmy Eat World. Klingt abgefahren? Ist es auch. Aber Disco Ensemble sind nicht nur abgefahren. Sie sind den anderen bereits Meilen voraus! Und mehr noch: Sie haben sich in den zehn Jahren ihres Bestehens über die Landesgrenzen hinaus den Ruf als eine der mitreißendsten Live-Bands erspielt; sie sind zum Flaggschiff einer Szene geworden, die das Potenzial hat, international neue Maßstäbe zu setzen. Tief in ihrem Innern ist sich die Band dar - über völlig im Klaren, aber sie ist auch bescheiden und - wie soeben gelernt - skeptisch genug, um den Ball zunächst schön flach zu halten.
Moi! To The World
Würdet ihr euch als Pioniere einer neuen, finnischen Rock-Szene bezeichnen?
Jussi: Das ist schwer zu sagen. Ich denke, es gibt einige finnische Bands, die sehr von unserem Sound beeinflusst wurden. Manche geben das offen zu, andere verleugnen das lieber.
Glaubt ihr, dass euer Label ‘Fullsteam Records‘ eines Tages so sehr Trademark für einen bestimmten Sound werden kann wie beispielsweise ‘Epitaph‘?
Jussi: Ich denke, sie sind schon sehr nahe dran, nur hat das noch keiner so richtig wahrgenommen. Es mag noch einige Zeit dauern, bis das Label auch über Finnland hinaus zu einer Marke wächst, aber bei uns hat ’Fullsteam‘ bereits seine eigenen Fans. Im Vergleich zu jeder anderen europäischen Indie-Firma sind dort definitiv die besten Bands unter Vertrag.
Würdet ihr euch als finnische oder als internationale Band bezeichnen?
Mikka: Ich denke, wir sind eine internationale Band, denn wir spielen weit mehr Konzerte in Europa oder demnächst Japan und den USA als zu Hause.
Jussi: Unsere Herkunft ist völlig irrelevant für unsere Musik. Niemand „hört“, dass wir aus Helsinki stammen. Das mag bei Bands wie HIM, Nightwish oder Amorphis anders sein, weil sie alle diesen düsteren Metal-Sound fahren, aber bei uns wird man nach „typisch finnischen“ Charaktermerkmalen vergeblich suchen.
Mikka: Außerdem sind wir gar nicht so depressiv wie immer alle glauben. Wir haben immerhin drei positive Songs auf dem Album!
Wenn ihr mit „Magic Recoveries“ nun weltweit auf Tour geht, was sagen die Bräute zu Hause dazu?
Jussi: An diesem Punkt unserer Karriere müssen alle zu 100% hinter der Band stehen, das gilt für uns selbst wie auch für unser Umfeld. Alles andere würde nur Ärger verursachen. Als Band, die auf einem Level arbeitet wie wir, muss man sich bewusst sein, dass das Privatleben zunächst auf der Strecke bleibt. Man kann eben nur etwas erreichen, wenn man auch bereit ist, den Preis dafür zu zahlen. Gott sei Dank lieben wir unseren Job. Und unsere Frauen wissen das.
Ihr habt also keinen Plan B in der Tasche,
so „für alle Fälle“?
Miikka: Klar! Ich werde das nächste „American Top Model“!
Heimat: discoensemble.com
LIVE: THE GUNS + EASTER CONFERENCE CHAMPIONS + EVERLAUNCH
17.05.2008
Motorclub @ Magnet - LIVE: THE GUNS + EASTER CONFERENCE CHAMPIONS + EVERLAUNCH
- Auf Achse
Jack & Ginger - Auf Achse
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Mach sie platt, die überdrehte Kuh! - Disco Ensemble
Ruhig mal wieder auferstehen - Disco Ensemble
Eis Essen Mit Disco Ensemble - Disco Ensemble
Kreuzverhör - Mikkaa - Disco Ensemble
Kreuzverhör - Lasse - Disco Ensemble
Kreuzverhör - Mikko - Disco Ensemble
Kreuzverhör - Jussi - Disco Ensemble
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