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Bild: Kettcar
  • Text: Steffen Meyer
  • Fotograf: pertramer.at
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Kettcar
Keine Konsonanten


Kettcar haben dort hingeschaut wo es wehtut. In die Abgründe der Gesellschaft und deren Auswirkungen auf die Menschen. Mit einem kurzen, verstörenden Albumtitel - 'Sylt' - und jede Menge Wut im Bauch melden sich die Hamburger nach drei Jahren eindrucksvoll zurück.

Damit hätte wohl keiner gerechnet. Nach 'Von Spatzen Und Tauben, Dächern Und Händen' war das Aushängeschild des 'Grand Hotel Van Cleef' mit ihrem befindlichkeitsfixierten Gefühl-Pop im deutschen Mainstream angekommen. Einen Tagesthemen-Bericht über Kettcar und Vorwürfe, sie hätten ihre alten Punk-Ideale endgültig verraten, inklusive. "Direkt sagt einem das eigentlich keiner. Die Vorwürfe bekommst du von Heckenschützen serviert", erklärt Sänger Marcus Wiebusch diesen hässlichen Aspekt, der auch sehr viel mit Neid zu tun hat. "Da setzt du dich dann mit den ganz normalen menschlichen Niederungen auseinander." Die Band hätte mit ihrem dritten Album sicherlich eine weitere Introspektive der Ü-30-Generation entwerfen können. Doch wieso die Augen verschließen vor dem, was tagtäglich um einen passiert?! Der ganze Dreck, die Desillusionierung, das 9/11-Trauma: "Für die einen sind es Menschen mit Augen und Ohren/ Für die Anderen Kostenfaktoren" und "Ein Platz ist noch frei in der hintersten Bank/ In der vollbesetzten Kirche der Angst" ertönt es im düsteren 'Fake For Real', ein Song, der nur so sprüht vor Endzeitstimmung. "'Sylt' sollte sich deutlich von den Vorgängeralben unterscheiden", gesteht Marcus. "Wir wollten die Themen unserer Zeit anpacken und den Zusammenhang zwischen neoliberalen Zeiten und Burn-Out-Syndrom darstellen. Da gibt es nämlich einen Zusammenhang. Immer mehr Leute brechen zusammen, ziehen nach Hause zu ihren Eltern, was ich als die ultimative Kapitulation empfinde."

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Kettcar sind nicht frei von solchen Gefühlen, verdienen sie doch allesamt ihren Lebensunterhalt mit der Musik. Marcus Wiebusch und Bassist Reimer Bustorff betreiben zusätzlich das Label 'Grand Hotel Van Cleef' und machen sich keine Illusionen: "Wenn die Krise in der Musikindustrie weiter geht, die Kettcar-Platte kein Erfolg wird und das neue Album von Tomte auch nicht, dann schleppe ich in drei Jahren Bananenkisten im Hamburger Hafen. Es gibt nicht mehr diese kraftvolle Independent-Szene wie noch vor 20 Jahren. Den Kids da draußen ist es doch scheißegal, ob die neue Death Cab For Cutie bei einem Major oder einem Indie-Label erscheint." Kettcar ertragen diese existentialistische Gratwanderung, transportieren sie kraftvoll in ihre Musik und in der Not bleibt ihnen ja immer noch die schöne Komplizin Ironie. "Mein Verhältnis zu Ironie ist absolut ambivalent", räumt Marcus ein. "Ich fühle mich sehr zu ihr hingezogen, da du Dinge, auch wenn sie noch so bitter erscheinen, immer ein wenig erträglicher machen kannst. Doch wenn du alles ironisch siehst, dann nenne ich das die Ironiehölle. Es bleibt dann nämlich nichts mehr übrig."

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