- Text: Andreas Hartung
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Die Sache mit Sorge
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Im Mai 1941 erhält Stalin eine warnende Nachricht über den unmittelbar bevorstehenden Überfall der Deutschen auf die Sowjetunion. Aber er misstraut der Quelle, reagiert nicht und glaubt lieber an den Nichtangriffspakt mit Hitler. Wochen später vernichten die Deutschen große Teile der völlig überraschten Roten Armee. Als Monate später aus derselben Quelle die Nachricht kommt, dass Japan nicht vorhat, wie von den Deutschen gefordert, im Osten eine zweite Front aufzumachen, hat Stalin aus seinem Fehler gelernt und verlagert die im Osten für den Falles eines japanischen Angriffes bereitstehenden Truppen an die deutsche Front, was nicht unerheblich zum weiteren Kriegsverlauf beiträgt. Dennoch sollte seine zuverlässige Quelle den Fehler Stalins später teuer bezahlen.
Der Überbringer hieß Richard Sorge und hatte sich im Umfeld der deutschen Botschaft in Tokio einen kleinen aber effektiven Spionagering aufgebaut. Sorge war Deutscher. Kämpfte überzeugt im Ersten Weltkrieg und wandte sich in seinen langen Lazarettaufenthalten der Kommunistischen Idee zu. 1919 wird er Mitglied der KPD. 1924 reist er für mehrere Jahre nach Moskau, wird sowjetischer Staatsbürger und beginnt einige Jahre später mit seiner Spionage-Tätigkeit für die Sowjetunion.
Isabel Kreitz hat jetzt aus der spannenden und tragischen Geschichte des Richard Sorge eine 240(!)-seitige Comicerzählung gemacht. Größtenteils begleitet der Leser die Konzertpianistin Eta Harich-Schneider, die gerade in Tokio angekommen ist und bei einer alten Freundin, welche jetzt Botschaftergattin ist, für ein paar Wochen zu wohnen. In Wahrheit ist sie aus Deutschland geflüchtet und hat nicht vor, nach wenigen Wochen wieder heimzukehren. In dem bekannten Journalisten Sorge, welcher in der Botschaft ein und ausgeht, findet sie einen Menschen, der sich wenig um die starre Etikette der weltfremden Botschafterclique kümmert. Ein charmanter lauter Rüpel. Die beiden beginnen ein Verhältnis.
Der Blick des Lesers ist der des unbeteiligten Beobachters. Er begleitet die Figuren bei ihren geheimen und intimen Gesprächen, ist aber genau wie die Figuren im Comic auf das angewiesen, was die Menschen erzählen. Auf die Gedankenwelt der Personen hat der Leser keinen Zugriff. So ergibt sich eine Atmosphäre, die detailliert intim und gleichzeitig distanziert ist. Das bekommt der Erzählung sehr gut und wird vor allem dem Sujet gerecht. Es bewahrt den Comic davor, zu plakativ oder auch kitschig zu werden. Es bleibt etwas von distanziertem Geheimnis. So überträgt sich etwas von der Atmosphäre der kommunikativen Isolation Sorges (auch wenn er nie mit seiner Meinung hinter dem Berg hielt, konnte er sich doch niemandem wirklich anvertrauen) auf den Leser.
Isabel Kreitz ist es gut gelungen, die weltfremde starre Atmosphäre der deutschen Botschaft in Japan zu Beginn des Zweiten Weltkrieges einzufangen. Hochgestellten Beamten, denen weder klar ist, wie das Land funktioniert in dem sie leben, noch welche Bedeutungen die Entwicklungen in der Welt haben. Tag für Tag werden kleine Dinnerpartys gegeben, Sekt getrunken und darauf gewartet, dass alles wieder so wird wie früher. Gezeichnet ist das Buch in sorgsam Bleistiftskizzen, welche dem illustrativ realistischem Stil von Isabel Kreitz gut zu Gesicht stehen. Auch wenn zu oft der Blick der Personen starr ins Leere geht. Ein Buch, das mehr atmosphärische Sozialstudie als Agentengeschichte ist, und genau deswegen überzeugt.
Nach Sorges Verhaftung boten die Japaner ihn der Sowjetunion mehrmals zum Austausch an. Da Stalin aber nicht an seinen peinlichen und verhängnisvollen Fehler vom Mai 1945 erinnert werden wollte, hieß der Funkspruch aus Moskau jedes Mal: "Wir kennen keinen Richard Sorge!" Am 7.November 1944 wurde er in Tokio gehängt.
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19.07.2008
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