- Text: Sascha Rettig
- Erscheinungsdatum: ..3.
-
Bewertung:
-
Happy-Go-Lucky
Immer gut drauf mit 30
Wenn als Kind ein neuer Lebensabschnitt anbricht, hört man oft die Warnung der Eltern: Jetzt ist die schöne Zeit vorbei, jetzt beginnt der Ernst des Lebens. Für Poppy (Sally Hawkins) allerdings hat der Ernst des Lebens selbst mit 30 noch nicht begonnen. Die Grundschullehrerin ist stattdessen so etwas wie eine sehr englische und quietschbunt geschmacklos angezogene Pippi Langstrumpf, die sich ihre Welt so macht, wie sie ihr gefällt. Die Realität muss zwischen Albernheiten bei der Flamenco-Stunde und hysterischem Herumhängen mit ihren Freundinnen draußen bleiben - jedenfalls meistens. Denn es gibt auch immer wieder Situationen, in denen Poppy dazu gebracht wird, ihre Unbeschwertheit und ihre extreme Gute-Laune-Existenz zu hinterfragen - beim Besuch bei ihrer Schwester, den Problemen mit einem rabiaten Schüler und vor allem in den Szenen mit ihrem Fahrlehrer Scott (grandios: Eddie Marsan).
Der äußerst unglückliche Misanthrop versucht, ihr bei den Fahrstunden Disziplin und Ordnung beizubringen, beißt sich dabei aber zunehmend die Zähne aus. Ja, er verzweifelt regelrecht - nicht nur an der Welt, sondern auch an Poppys Optimismus, was bei ihm durch entnervte Fassungslosigkeit und unerwiderte Liebe in einen geifernden Ausbruch gipfelt. In diesen Momenten wird der ernste Unterton am deutlichsten: Kann man sich einfach den Härten des Lebens verweigern, in dem man einfach die Sonne aus allen Poren kräftig scheinen lässt? Doch die dunklen Wolken - und ein einziges Mal auch Poppys Tränen - verschwinden schnell wieder hinter der nächsten Lachattacke und den nächsten Witzchen.
Die großen, umwälzenden Konflikte vermeidet Regisseur Mike Leigh, der sich als Vertreter des "New British Cinema" bislang vor allem mit rauen Sozialdramen aus dem britischen Arbeiteralltag einen Namen gemacht hat, in seiner wundervollen Unbeschwertheitskomödie. Doch "Happy-Go-Lucky" kann das ebenso mühelos kaschieren wie die kaum existente Handlung, weil er mit Sally Hawkins eine Hauptdarstellerin hat, der auch Leigh offenbar verfallen ist.
Riskant ist das schon, denn wie schnell könnte einem solch eine Figur auf die Nerven gehen? Und wie schnell könnte soviel naive Lebensfreude abschrecken oder ermüden? Doch man hat gegen Hawkins, die auf der Berlinale hoch verdient den silbernen Bären als beste Darstellerin bekam, keine Chance. Ihr Lachen, das man so schnell nicht mehr aus dem Kopf bekommt, ist ansteckend und die unerschrocken aufbrausende Art, mit der sie die Welt umarmt, hinreißend vereinnahmend. Meine Güte, wie verdammt reizend.
HOLIDAY FUN CLUB & BEAT! BEAT! BEAT!
20.09.2008
Motor Club @ Magnet - HOLIDAY FUN CLUB & BEAT! BEAT! BEAT!



